Die Sucht und ich (Ein Gespräch)


Gespräche / Dienstag, Mai 8th, 2018

Hallo, ich möchte wissen, was willst du von mir? Warum bist du da?

 Ich helfe dir, die Leere in dir zu füllen.

 

Aber ich fühle mich nicht leer. Ich mache doch jeden Tag ganz viel.

 Ja, das machst du wohl. Aber das erfüllt dich nicht. Du brauchst und willst ganz was anderes. Das hast du früher schon gewollt.

 

Wann früher?

 Schon als Kind. Aber auch als Jugendliche. Du hast nie gemacht, was du wolltest.

 

Was habe ich denn gesucht? Ich hatte doch alles. Eine Mutti, die mich liebt, einen Papa, der stolz auf mich war – und einen tollen Opa. Und Oma war auch um einiges besser, als ich immer dachte. Und dann natürlich mein Brüderchen. Was also habe ich denn immer gesucht?

Es war nicht alles so toll, wie du immer glaubst und du denkst. Ich glaube, du machst dir da was vor. Dein Papa war nicht sehr glücklich mit deiner Mutti und mit ihrer Familie. Denn die Oma hat den beiden das Leben oft ganz schön schwer gemacht.

 

Ok, das mag ja sein. Aber das hat ja nur am Rande etwas mit mir zu tun.

Nein, das stimmt nicht ganz. Du warst leider immer mittendrin. Ob es Streit zwischen deinen Eltern gab oder es um die anschließende „Versöhnung“ ging. Du hast alles miterlebt.

 

Aber darüber weiß ich nichts mehr. Was war da noch?

Du hast dich an deinen Papa geklammert. Und du hast dich an deinem Freund Wolfgang festgehalten. Männer waren für dich immer die wichtigeren Menschen.

 

Warum eigentlich?

Das kann ich dir sagen: Weil deine Oma ein sehr dominantes und deine Mama ein sehr schwaches Bild abgegeben haben. Du wolltest beides nicht sein. Die Männer und auch deine beiden Freunde haben sich dagegen eher fair allen anderen gegenüber verhalten. Deshalb hast du auch heute noch eine so starke Bindung zu deinem Bruder.

 

Und was hat das nun alles mit dir zu tun?

Das erkläre ich dir auch gerne: Dir fehlte damals der Halt durch deine Mutter. Und was noch hinzukommt, das Verhalten deiner Oma. Sie hat nicht nur deine Mutter kleingemacht, sondern auch dich. Immer wieder hat sie euch eingeredet, dass ihr nicht genügt, dass ihr alles falsch macht und es nicht alleine schafft im Leben. Deine Mutter hat später aufgegeben. Sie hat sich mir ganz hingegeben bis zum Tod. Sie hatte ja nie Rückhalt von irgendjemandem.

 

Ich will mich aber nicht dir hingeben. Das weiß du. Ich will mich von dir trennen. Sag mir, was füllt die Leere, die jetzt du ausfüllst?

Du selbst. Du musst dich mit dir aussöhnen. Mache nicht die gleichen Fehler wie deine Mama. Nimm dich an. Sag dir selbst: Ich bin wertvoll, ich schaffe, was ich will und bin genug. Liebe dich. Schenke dir selbst all das, was deine Oma dir vorenthalten hat.

 

Sie war ja nicht die einzige, die so gehandelt hat. Damals wusste man es halt nicht besser. Sie hat es ja nie aus Boshaftigkeit getan, sondern weil sie nicht anders konnte. Sie wollte immer das Beste für uns.

Das mag sein, aber du lebst jetzt und du hast nun dein Leben selbst in der Hand. Du kannst es anders machen.

 

Aber ich habe bei meinen Kindern doch ähnliche Fehler gemacht.

Nein, das hast du nicht.

 

Wieso?

Du hast es anders gemacht. Natürlich warst du am Anfang ziemlich überfordert mit allem. Mit dem Kind, der Ehe und dem Haushalt. Und dazu noch mit Mutter, Oma und Bruder. Und an deinem Mann und deinem Vater hattest du auch keine Hilfe. Niemand hat dir geholfen. Aber du warst stark, für deine Kinder.

 

Das stimmt. Aber du warst trotzdem da und hast mir mehr geschadet, als du mir eine Hilfe warst. Immerhin habe ich mich schon einmal von dir befreit.

Da hast du Recht. Aber du hattest auch kaum eine Wahl.

 

Und jetzt?

Denk nach. Du suchst immer noch. Aber hast du nicht schon längst gefunden? Was suchst du im Außen?

 

Keine Ahnung. Aber ich glaube, ich weiß, was du meinst. Leider traue ich meinen eigenen Empfindungen nicht. Ich glaube, das ist der Punkt. Es ist schwer, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, wenn man das noch nie gemacht hat.  Jedenfalls nicht mit klarem Kopf.

Warum ist das so schwer? Was ist so schwer daran?

 

Ehrlich zu sein. Mich so zu sehen, wie ich bin. Ohne Maske. Die pure Margit. Mit allen Schwächen.

Vergiss die Stärken nicht.

 

Ja, auch die Stärken. Und Fehler? Ich wollte immer die Prinzessin sein.

Wolltest du das wirklich? Hat nicht dein Papa dich dazu gemacht?

 

Vielleicht. War ich eher eine Abenteurerin, eine Vagabundin, ein Clown, eine Jongleurin? Warum konnte ich mich nicht von den Fesseln befreien?

Du warst ein sehr liebevolles Kind, wolltest niemandem wehtun.

 

Und jetzt?

Du bist immer noch liebevoll, willst Harmonie und es allen Recht machen. Willst niemandem wehtun, nur dir selbst. Warum?

 

Ich weiß es nicht genau. Ich will mich spüren, wissen, dass ich da bin, lebe.

Aber das kannst du auch anders.

 

Und wie? Ich glaube, ich habe immer noch Angst vor all meinen Empfindungen und Gefühlen. Das Trinken beruhigt mich. Aber es macht mich auch krank. Du bist eine Krankheit und hast dich in mir breit gemacht. Ich will, dass du endlich gehst und mich in Ruhe lässt.

Ich lasse dich in Ruhe, wenn du weißt, was du willst. Wenn du dich liebst und die Leere in dir selbst füllen kannst. Du kannst dir nur selbst helfen. Fülle die Leere mit Inhalten. Mit Liebe, Ehrlichkeit und Wertschätzung für dich und andere. Dann verlasse ich dich.

 

Das werde ich, verlasse dich darauf. Auf nimmer Wiedersehn!

 

Bildnachweis: Pixabay – 3554218

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